Versuchende 

 

Peter G. Zöls

 

2008

 

ISBN 978-3-8370-8530-3, Paperback, 124 Seiten

 

 

Leseprobe

 

Nietzsche, Wagner und Schopenhauer

 

Nietzsche hatte sich jedoch bereits, mit der „Geburt der Tragödie“ von der akademischen Philologie distanziert (siehe Briefwechsel). Er schöpfte mittlerweile aus anderen Quellen. Er orientiert  sich an Schopenhauer , der die Musik allen anderen Künsten vorangestellt hatte, was  Nietzsche selbst so formulierte: „Musik ist nicht Abbild der Erscheinung.....sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst. Man könnte demnach die Welt ebenso verkörperte Musik, als verkörperten Willen nennen.“

 

Demnach realisiere sich in der Musik der Weltwille. „Die Melodien sind...eine Abstraktum der Wirklichkeit, die Musik gibt das Herz der Dinge.“

Besonders durch Schopenhauer und seinem Werk: „ Die Welt als Wille und Vorstellung „ fühlt sich Nietzsche in seiner Setzung des Apollinischen und des Dionysischen bekräftigt. Dionysos  schaffe die Aufhebung der Grenzen, die um das Individuum gesetzt sind, er löse vom Bann der Vereinzelung und dringe auf rauschhaftes Vereinen.

                                                           

Althaus führt weiter aus, dass Schopenhauer und Wagner ihrem Wesen nach für Nietzsche zusammengefallen seien. Schopenhauer sei das verbindende Element gewesen, unter dem Nietzsches Freundschaft mit Wagner zustande gekommen sei. Schopenhauer habe das letzte geschlossene philosophische System des 19. Jahrhunderts entwickelt , das noch aus einer vorindustriellen Welt stamme, über sie aber in keiner Weise hinausreiche. Es sei eine Lebensphilosophie, deren Anwendung in den Stand setzte, die Natur gewisserweise zu überlisten, etwas, was von Kant, Hegel oder Schelling nicht gesagt werde könne.

 

Die  enge geistige  Verbindung zwischen Schopenhauer, Wagner zu  jener Zeit zeigen folgende Zitate von Wagner:

 

Musik als Idee der Welt 1 : „ mit philosophischer Klarheit hat aber erst Schopenhauer die Stellung der Musik zu den anderen schönen Künsten erkannt und bezeichnet, indem er ihr eine von derjenigen der bildenden und dichtenden Kunst gänzlich verschiedene Natur zuspricht. Er geht dabei von der Verwunderung darüber aus, dass von der Musik eine Sprache geredet werde, welche ganz unmittelbar von jedem zu verstehen sei, da es hierzu gar keiner ,

 

 Vermittlung durch die Begriffe bedürfe, wodurch sie sich zunächst eben vollständig von der Poesie unterscheidet, deren einziges Material die Begriffe, vermöge ihrer Verwendung zur Veranschaulichung der Idee seien.

.......glaubt Schopenhauer in der Musik aber selbst eine Idee der Welt erkennen zu müssen, da derjenige, welcher sie  gänzlich in Begriffen verdeutlichen könnte, sich zugleich eine die Welt erklärende Philosophie vorgeführt haben würde...........Und selbst diesem Charakter“  , so fährt Schopenhauer fort  „würden wir nicht verstehen, wenn uns nicht das innere Wesen der Dinge, wenigsten undeutlich und im Gefühl, anderweitig bekannt wäre. Dieses Wesen selbst kann nämlich nicht aus den Ideen und überhaupt nicht durch irgendeine bloß objektive Erkenntnis verstanden werden; daher es ewig ein Geheimnis bleiben würde, wenn wir nicht von ganz anderer Seite den Zugang dazu hätten. Nur insofern jedes Erkennende zugleich Individuum und dadurch Teil der Natur ist, steht ihm der Zugang zum inneren der Natur offen, in seinem eigenen Selbstbewusstsein, als wo dasselbe sich am unmittelbarsten und alsdann als Wille sich kundgibt.“ 3

 

Weiter führt Wagner aus : „ aus einer genaueren Betrachtung des hier aus dem Hauptwerk Schopenhauers Angeführten muss uns jetzt ersichtlich werden, dass die musikalische Konzeption, da sie nichts mit der Auffassung einer Idee gemein haben kann (denn diese ist an die anschauende Konzeption der Welt gebunden), nur in jener Seite des Bewusstseins ihren Ursprung haben kann, welche Schopenhauer als  dem Innersten zugekehrt bezeichnete. ,

 

......wie der Traum es jeder Erfahrung bestätigt, steht der, vermöge der Funktionen des wachen Gehirns angeschauten Welt, eine zweite, dieser an Deutlichkeit ganz gleichkommende, nicht minder als Anschauung sich kundgebende Welt zur Seite, welche als Objekt jedenfalls nicht außer uns liegen kann, demnach von einer nach innen gerichteten Funktion des Gehirns unter nur diesen eigenen Formen der Wahrnehmung, welche Schopenhauer eben das Traumorgan nennt, dem Bewusstsein zur Erkenntnis gebracht werden muss.

 

„Eine nicht minder bestimmte Erfahrung ist nun aber diese, dass neben der, im Wachen, wie im Traume als sichtbar sich darstellenden Welt, eine zweite, nur durch das Gehör wahrnehmbare, durch den Schall sich kundgebende Welt, also recht eigentlich eine Schallwelt, neben der Lichtwelt für unser Bewusstsein vorhanden ist“

 

.....Diesem Rufe antwortet nun auf das allersicherste die Musik. Hier spricht die äußere Welt so unvergleichlich verständlich zu uns, weil sie uns durch das Gehör vermöge der Klangwirkung uns ganz dasselbe mitteilt, was aus  im tiefsten Inneren selbst ihr zurufen. Das Objekt der vernommenen Tones fällt unmittelbar mit dem Subjekt des ausgegebenen Tones zusammen: wir verstehen ohne jede Begriffsvermittlung, was uns der vernommene Hilfe, Klage oder Freudenruf sagt und antworten ihm sofort in dem entsprechenden Sinne. Ist der von uns ausgestoßene Schrei-Klage-oder Wonnelaut die unmittelbarste Äußerung des Willensaffektes, so verstehen wir den gleichen, durch das Gehör zu uns dringenden Laut auch unwidersprechlich als Äußerung desselben Affektes und keine Täuschung, wie im Scheine des Lichts, ist hier möglich, dass das Grundwesen der Welt außer uns mit dem unsrigen nicht völlig identisch sei, wodurch jene, dem Sehen dünkende Kluft sofort sich schließt.“  

Festschrift „Beethoven“  von 1870