Peter  G. Zöls  

 Traumzeit

Eine  Phänomenologie  der  Träume 

 

2008

 

ISBN 978-3-8370-8283-8, Paperback, 260 Seiten

 

 

   Einleitung  

 

Über die  Bedeutung des Schlafes und des Traums haben sich seit Sigmund Freud die Psychologen, Psychiater und Neurologen ausführlich ausgelassen aber oft wird  bei dieser Sichtweise unsere unschuldige nächtliche Geistestätigkeit nur als Kompensativ  einer unterdrückten oder kranken Natur betrachtet.  Jeder  scheint  dabei mit  seiner eigenen persönlichen  Sichtweise an dieses Thema heranzugehen und bekommt wohl auch die entsprechende Reaktionen.  Wer nicht an den Sinn seiner Träume glaubt, wird vielleicht auch nichts träumen oder nur "Unsinn" Und wer an die Verdrängungsthese glaubt, wird sicher von phallischen oder vaginalen Objekten heimgesucht werden und am Ende vielleicht meinen, dass eine Symphonie von Beethoven  in verdrängen Sexualphantasien begründet ist. Aber alle diesbezüglichen Phänomene auf nur ein einziges Grundmuster zu reduzieren wäre wohl zu "einfach" Das, was wir nächtlich im Traum erleben und erarbeiten ist weitaus komplexer. Zu diesem Schluss  bin ich gekommen, nachdem  ich  mich selbst auf die Suche nach dem Schlüssel zum Verständnis meiner eigenen Traumwelt gemacht habe. Schließlich verbringen wir ein Großteil unseres Lebens im Schlaf und im Traum und ich habe den Eindruck , dass dieses Thema bisher nicht angemessen  in der Philosophie  gewürdigt worden ist. Die  Fragen, die ich mir dabei gestellt habe, liegen deshalb überwiegend im philosophischen Bereich. und meine  Untersuchung ist rein empirisch sie wird sich nicht darauf einlassen, einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, so wenig wie eine Einzelexistenz "allgemein" sein kann  Ich  stütze ich mich  aber als Grundlage  meiner Arbeit auf ein jahrzehntelang geführtes Traumbuch.

  Die Auswertung dieses Materials hat mich zu dem Ergebnis geführt, dass wir  in  unserer Traumarbeit den  Raum-Zeitrahmen des Tagesbewusstseins verlassen und dabei auch entsprechende Bezüge herstellen. Dadurch  erklären sich  auch die scheinbar willkürlichen gewählten, wechselnden Szenarien, in die wir uns dabei versetzt sehen.  Es scheint in dieser Ebene eine ganz andere Verarbeitung  der "Zeit", wie wir sie im Wachzustand erleben, stattzufinden. Bei der Auswertung ist es allerdings  schwierig zu unterscheiden, auf welche Zeitebene sich das Phänomen bezieht. Die Sinn, bzw. Bedeutungsebene  erschließt sich oft erst Jahre später. Dann liest sich das aber nicht mehr wie ein Traumbuch, eher wie ein Tagebuch, allerdings angereichert mit Hintergrundinformationen. 

  Ich habe mich darüber hinaus entschlossen, das Thema in zwei verschiedenen Sprachformen zu beleuchten, weil uns die Worte manchmal eher im Weg stehen oder fehlen,  wenn wir philosophische Erkenntnisse beschreiben wollen. Ich habe aus meinen wichtigen Träumen und Visionen deshalb auch Gedichte gemacht, die das letzte Kapitel dieser Arbeit bilden. Dadurch kann  die entsprechende  Erlebnistiefe besser vermittelt werden. Eine bessere Quelle als unsere Träume lassen sich dafür nur schwerlich finden.

  Es wird aber  darauf hingewiesen, dass dieses Werk  trotz des umfangreichen Materials nur die Spitze des Eisbergs aufzeigen kann. Wir träumen ständig, manchmal sogar am Tage,  erinnern uns aber in der Regel  nur an einen Bruchteil des Geschehens und schon  allein deshalb muss uns das alles ziemlich konfus vorkommen. Hinzu kommt, dass wir in der Regel Unangenehmes verdrängen und nur das annehmen, was in unser Tagesbewusstsein passt, abgesehen von den besonders eindringlichen  Träumen. Davon gibt es aber wiederum ganz verschiedene Arten, einige sind spekulativ andere kompensativ, andere stellen Metapher her und  gelegentlich scheint sich ein Zeitfenster zu öffnen. Aber selbst das haben wir in der Regel nach ein paar Tagen alles wieder vergessen.

  Wenn es  möglich ist, wie in meinem Arbeitsmaterial dargelegt,  dass manche Träume exakt unsere Zukunft beschreiben, ohne dass dieses Wissen aus unserem Erfahrungshorizont abgeleitet werden kann, dann verdient auch das andere Traummaterial eine stärkere Wertschätzung. Das ist kein Gaukelspiel mehr, das sind auch keine zufälligen Phantasmen.

  Wir scheinen gelegentlich unsere Existenz  im Traum aus der Vogelperspektive zu betrachten. Unter diesem Aspekt ist es mir gelungen, einen Großteil meiner Aufzeichnungen zu entschlüsseln, indem ich sie verschiedenen  möglichen Zeitszenarien zugeordnet habe.

  Möglichweise könnten diese Entdeckungen  der archimedische Punkt sein, von dem aus wir uns selbst besser erkennen lernen. Im Tagesbewusstsein sind  wir zu sehr dem Zirkelschlussdenken verhaftet , ohne dass wir eine Chance haben, da durchzublicken.

  Ich stelle zunächst  einmal  einige  der  verstreuten philosophischen Aussagen aus dieser Vogelperspektive vor, auf die ich im weiteren Verlauf immer wieder zurückkehre.   

 

                                                                              L E S E PR O B E  

Zunächst stelle ich einige  Philosophen  und ihre Sichtweise zu dem Thema Träume vor, um dann mit einer Auswertung der eigenen Texte zu beginnen. (Sokrates, Kant, Heraklit, Empedokles, Leibnitz,  Nietzsche, Goethe, Stirner , Hartmann, Descartes, Hobbes, Stirner, Montaigne, Pascal)                                                                                                                                                                                                             

Hiervon nun bin ich selbst meinesteils ein  Liebhaber, o Phaidros, von diesen Teilungen und  Zusammenfassungen nämlich, um sowohl reden als auch denken zu können: und wenn ich von irgend einem anderen der Ansicht bin, dass  er das zur Einheit und zur Vielheit sich Bestimmende einzusehen vermöge, dem gehe ich nach, auf dem Fuß ihm folgend als einem der Götter, ob ich jedoch diejenigen, die es zu leisten vermögen, richtig bezeichne oder nicht, das weiß ein Gott: ich nenne sie aber bis  jetzt Dialektiker.

 

Sokrates hatte  die Bedeutung der Orakel und der Träume erkannt und sich in seiner Verteidigungsrede auf sie berufen:

Aber weshalb halten sich wohl einige so gern seit langer Zeit zu mir? Das habt ihr gehört, Athener, ich habe euch die ganze Wahrheit gesagt, dass sie nämlich diejenigen gern mögen ausforschen hören, welche sich  dünken, weise zu sein, und es nicht sind. Denn es ist nicht unerfreulich. Mir aber ist dieses, wie ich behaupte, von dem Gotte auferlegt zu tun durch Orakel und Träume und auf jede Weise, wie nur je göttliche Schickung einem Menschen etwas auferlegt hat zu tun.“

[Platon: Des Sokrates Verteidigung, S. 34. Digitale Bibliothek Band 2:Philosophie, S. 284 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 26)]

Leibniz

Und wie Sophisma eigentlich eine Weisheitsübung bedeutet, so bezeichnet Enthusiasmus, dass eine Gottheit in uns walte. Est Deus in nobis (In uns waltet ein Gott). Sokrates behauptete auch, dass ihm ein Gott oder Dämon innere Kundgebungen mache, so dass Enthusiasmus ein göttlicher Instinkt wäre 1

Leibniz sieht  zwar  zwischen sinnlichen Empfindungen und den Phantasiebildern der Träume einen Unterschied aber das Mehr oder Weniger würde dabei  im Wesentlichen nichts ändern  Obgleich  die sinnlichen Empfindungen lebhafter als die Phantasiebilder seien, so gäbe es doch Fälle , bei denen Personen von starker Einbildungskraft durch ihre Phantasiebilder ebenso oder vielleicht mehr als ein anderer durch die  Wirklichkeit gefesselt würden. Leibniz  sieht daher für das wahre Kriterium hinsichtlich der Sinnengegenstände den Zusammenhang der  Erscheinungen, d.h. die Verknüpfung dessen, was an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten und in der Erfahrung der verschiedenen  Menschen vor sich gehe, welche in dieser Hinsicht einander selbst sehr wichtige Erscheinungen seien. Die Verbindung der Erscheinungen aber, welche die tatsächlichen Wahrheiten in Hinsicht der sinnlichen Dinge außer uns verbürgt, wird   demnach mittels der Vernunftwahrheiten bewährt, wie die Erscheinungen der Optik durch die Geometrie ihre Aufklärung erhielten.

Allerdings müsste  man zugeben, dass diese ganze Gewissheit nicht eine des höchsten Grades sei. Denn es sei , metaphysisch gesprochen, nicht unmöglich, dass es einen so konsequenten und langandauernden Traum geben  könne, wie das Leben eines Menschen; aber das sei etwas so Vernunftwidriges, als wenn man sich ein Buch denken wollte, das durch Zufall gebildet würde, indem man die Drucklettern bunt durcheinander wirft.

Wenn die Erscheinungen nur verbunden seien, wäre wirklich auch nicht daran gelegen, ob man sie Träume nennt oder nicht, weil die Erfahrung zeige, dass man sich in den um der Erscheinungen willen genommenen Maßregeln nicht täusche, wenn sie nach Maßgabe der Vernunftwahrheiten genommen würden.

Diese Vernunftwahrheiten bei Leibniz können wir unter der Voraussetzung einer Geometrie des Raumes und Zeit, zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Orten, die wir im Wachzustand erfahren, Gültigkeit haben, doch  außerhalb dieses Systems könnten sie sehr wohl  durch eine außerzeitlich wirkende  "Vernunft"  verbunden sein, die wir allerdings nicht vollständig erfassen können. Es ist  Tatsache, dass wir im Zustand des Schlafes den zeitlichen und räumlichen Bezug weitgehend verlieren, daher Träume diese Dimension zu überschreiten scheinen. Was als Traum behalten wird, ist nur das, was am  Zensor des Tagesbewusstseins vorbeigemogelt werden kann. Dabei kommt es aber  auch entscheidend darauf an, wie offen wir für solche Erfahrungen sind.

Wenn wir unsere Träume dokumentieren, sind wir aber durchaus  in der Lage, sie nach Maßgabe der Vernunftwahrheiten hinsichtlich  Sinn und Inhalt zu ordnen, obwohl das keine einfache Aufgabe ist.

Es können  Tagesreste verarbeitet worden sein aber auch weit zurückliegende Ereignisse beleuchtet  und darüber hinaus auch zukünftige Prognosen erarbeitet werden. In luziden Träumen können sich  die Ebenen  sogar miteinander vermischen. Es scheint unzählig verschiedene Arten von Träumen zu geben, bis hin zur Vision Wir verarbeiten diese Phänomene in der Regel nur in  unserem engen Erfahrungshorizont im Wachzustand, in dem wir gezwungen sind, auf ganz bestimmte festgelegte  Bedingungen in Zeit und Raum zu reagieren, Das zwingt uns dazu, nur einen Bruchteil unserer geistigen  Möglichkeiten zu realisieren, die sich  auf Raum und Zeit und damit  auf streng determinierte Gegebenheiten beziehen. Es darf aber als evident angesehen werden, dass wir im Schlaf weitgehend das Gefühl für Zeit und Raum verlieren, unsere  Geistestätigkeit sich aber in dieser Zeit  fortsetzt. Wir  nutzen unsere diesbezüglichen Fähigkeiten wahrscheinlich zu wenig, denn  auch ein Großteil meiner eigenen Träume scheint dem Tagesbewusstsein verhaftet zu sein, während die bedeutenden Träume wohl eher dann auftreten, wenn sich diese „Verhaftungen“ lösen oder lockern. Oder wenn Konflikte auftreten.

Das gibt unserem Geisteshaushalt nicht nur die Chance sich  zu stabilisieren und Daten zu verarbeiten, sondern die Datenpakete  nicht allein aus der Struktur, sondern vom auch Inhalt und der Bedeutung her zu bewerten und ordnen. Diese Daten sind im Unbewussten viel effizienter und viel kompakter gespeichert , als im Bewusstsein. Das liegt ganz einfach daran, dass sie hier nicht erst sprachlich umgesetzt werden müssen, sondern Erinnerung, Bild, Gefühl und Wille bilden hier noch eine Einheit, die  am ehesten  in Form  von Metaphern oder einer Art von Bildersprache herübergebracht werden können.

Wahrnehmen und Verstehen ist  in dieser Ebene noch nicht streng getrennt. Das haben wir in unserem Tagesbewusstsein weitgehend verlernt und deshalb fällt es uns so schwer, uns damit auseinander zu setzen, denn unser Lebensraum im Wachzustand wird wesentlich durch die Sprache und ihre Definitionen bestimmt. Und die verlangt fortwährende Analyse der Gegebenheiten, streng nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, nicht nur jene nach Zeit und Raum geordneten, sondern auch um Bedürfnisse der anderen menschlichen Spezies zu erfüllen oder nicht zu erfüllen, die sprachlich an uns herangetragen werden. Nun  hat die Sprache, die durch das Elternhaus vermittelt wird und durch Strukturen wie Schule  Universität und Gesetzgebung verfeinert, auch eindeutig administrativen Charakter.

                                                                                            

Die gemeinsame Welt der Wachenden

 

80. Man soll aber wissen, dass der Krieg das Gemeinsame ist und das Recht der Streit, und das alles durch Streit und Notwendigkeit zum Leben kommt.

81. [Die rednerische Unterweisung zielt mit all ihren Lehrsätzen auf diesen Punkt und ist ] Führer zur Abschlachtung.

88. Und es ist immer ein und dasselbe was in uns wohnt: Lebendes und Totes und das Wache und das Schlafende und Jung und Alt. Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt, dieses.

89. Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, [doch im Schlummer wendet sich jeder von dieser ab an seine eigene.] 1  

Wenn ein und das dasselbe in uns wohnt,  lässt  sich  daraus die These ableiten, dass das Tagesbewusstsein auch  nichts weiter als ein  kollektiver Traum ist. Was uns im Wachzustand begegnet ist im wesentlichen auch Selbstbehauptung, tatsächlich so eine Art von Krieg, in dem wir gezwungen sind unsere eigenen Ansprüche durchzusetzen.  Das geschieht hauptsächlich über das Medium der Sprache in der wir auch denken. Wir leben in einer  sprachlich definierten Welt.

Ich gehe im folgenden Kapitel deshalb näher auf die Sprache ein, um aufzuzeigen, wo die Grenzen dieser Kommunikationsform in der gemeinsamen Welt der Wachenden liegen um daraus vielleicht deutlich zu machen, dass darüber hinaus alternative Informationsquellen in unserer eigenen Welt des Schlummers und der Träume vorhanden sind.

Die Ansprüche, die die  sprachlich orientierte Administration an uns stellt, sind solche, die sich im wesentlich an Normen der Ethik orientieren, also denen des gedeihlichen Zusammenlebens solcher Individuen, die sich notgedrungen im Spannungsverhältnis zu anderen  gesetzt sehen. Dabei bedeutet ein Mehr an Sprache immer auch ein Mehr an Selbstbehauptung, dies gilt besonders für die Bereiche, die komplexe sprachlich-begriffliche Systeme entwickelt haben und letzthin in solche der Staatsführung münden.

Es sollte aber nicht vergessen werden, dass der Glaube an die magische Kraft der Worte, in die unsere Sprache noch hinabreicht ,stets hinterfragt werden sollte. Noch heute hat jedes Ding sein Geschlecht und ich frage mich manchmal , warum der beispielsweise der Stuhl  oder der  Mond  männlich sein soll. Und die Begriffe?  Begreifen kann man nur etwas mit der Hand, nicht allein  mit dem Kopf oder mit Worten. Das  zeigt, dass die Sprache schon in sich selbst  widersprüchlich. ist.

Wenn ich Baum sage, meine ich den Baum, weiß aber  auch, dass dieses Wort allein nicht die gesamte Existenz des Baum-Seins erfassen kann und dass es dem Baum völlig gleichgültig  sein kann , wie ich ihn nennen  will. Einen Bezug könnte ich nur mit ihm herstellen, wenn ich ihm auf  sinnliche Weise begegne, d.h. dass ich ihn sehen und fühlen kann. Diese Erfahrung sollte  ich nicht weiter hinterfragen.  Das Wort Baum allein ist  auch nicht mehr als ein Traum, weil es in uns Assoziationsketten und entsprechende Bilder erzeugt, die  nicht unbedingt streng an den  sinnlichen Bezug gebunden sein müssen. (z.B. als Metapher) .Es ist eine sprachliche  Information, ein Zeichen,  nicht mehr. Den Rest träumen wir dazu.

Ähnlich geht es mit dem Stimmengewirr und  den widersprüchlichen nicht verifizierbaren Begriffen vieler Politiker ,  rednerische Unterweisungen die nach Heraklit der Abschlachtung dienen können. Wer ist überhaupt noch in der Lage auf die Fülle der  Begriffsgespenster in der Grauzone  zu reagieren, die alle auf sprachlichen Setzungen beruhen, die das einzelne Individuum  nicht mehr nachvollziehen kann. Was wir von all dem "begreifen" können , ist vielleicht nur die Tatsache, dass der Brotkorb  immer höher gehängt wird und alles teurer wird. Begriffe lassen uns kalt, wenn wir das Gefühl haben, dass  sie uns  nicht  mehr erreichen. Tatsache ist, dass sich einige  mittels ihrer überlegenen suggestiven  Sprache die Taschen voll stopfen. Das ist in Wahrheit der Krieg der  Systeme, so überzeugend Sprache auch immer daherkommen mag, die sich aber beim Näheren hinsehen oft als Täuschung entlarvt. So tötet man ja am wirkungsvollsten mit der Intrige, d.h. mit absichtlich falschen sprachlichen Informationen, nicht nur einzelne Individuen, sondern auch unbequeme  Randgruppen. Die Sprache scheint zu einer  "Waffe"  heruntergekommen zu sein, weniger als Kommunikationsmittel, die sie eigentlich ursprünglich gewesen zu sein scheint.

So gehen  die Worte oft aneinander vorbei  besonders  wenn es um die Durchsetzung unsere eigenen Bedürfnisse geht, man denke in diesem Zusammenhang an die manchmal  so sinnlose Juristerei, an die   spitzfindigen Advokaten, die oft endlose Prozesse  mit Aktenbergen die keiner mehr liest und  bei denen man am Ende glaubt, den Verstand verloren zu haben. Am Ende gewinnt aber  immer der Stärkere und zwar der, der am meisten Geld hat.  Sprache kann auch ideologisch oder fachwissenschaftlich manipuliert  werden, wenn man z.B. an die linke Geschichtsforschung denkt, oder an die braune. Forschung scheint immer auch irgendwie subjektiv getönt zu sein. Man führe sich in diesem Zusammenhang nur die Sprach-Demagogen im sogenannten 3. Reich vor Augen, die frei nach Heraklit  tatsächlich ihrem Führer der Abschlachtung gefolgt sind.

Darüber hinaus haben wir auch ein existenzielles Bedürfnis nach der Nähe anderer, können  aber dieses Bedürfnis nicht immer  realisieren , weil uns ständig  einschränkende verbale Tag-Traum-Denkraster  nach  den Begriffen Alter, Stand, Beruf,  Rechenpfennigen, Rentenloch, Staat, Gesellschaft, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, geschönte Statistiken, Parteien, Fortschritts- sonstige Glaubenssysteme  und diffuse Begriffsgespenster  im Wege sind. Alles im Gleichklang mit dieser pervertierten Werbetrommel, die uns ihren unreflektierten Geschmack von Schönheit ,Jugend und Gewalt einhämmern will, die selbst vor unseren Kindern nicht halt macht. Das haben wir wohl inzwischen so weitverinnerlicht, dass wir dieses Denken in der Sprache nicht mehr abstellen können, zum Teil   hohle Träume, die wir im Wachzustand über uns ergehen lassen müssen., die aber mit unserer inneren Realität und unseren eigentlichen Bedürfnissen  keinen Zusammenhang mehr haben. Solche Realität tritt uns nicht allein entgegen  als solche in Zeit und Raum, sondern  auch als Unterwerfung unter fremden Willen. Damit haben wir uns ein rotierendes Denken eingehandelt, das sich immer nur um seine spezifischen Inhalte dreht, allerdings ohne Sinnvermittlung und ohne Energiezufuhr. Die ziehen uns diejenigen ab, die unsere Aufmerksamkeit fordern, manchmal mit Einschüchterung, manchmal mit Gewalt. Zugang zu unserem eigenen Potenzial erfahren wir nur im Schlaf oder in der Meditation, in der wir uns von der gemeinsamen Welt der Wachenden abwenden und uns in unsere eigene Welt begeben.

Diese Problematik unserer Kommunikationsform scheint auch Heraklit bereits  erkannt zu haben

Mit dem Worte, mit dem sie doch am meisten beständig zu verkehren haben, [dem Lenker des Alls, entzweien sie sich, und die Dinge, auf die  sie täglich stoßen, scheinen ihnen fremd.1  

Für dies Wort [Weltgesetz] aber, ob es gleich ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen noch sobald sie es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, und doch gebärden sie sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und Werken,  wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend und deutend, wie sich's damit verhält. Die anderen Menschen wissen freilich nicht, was sie im Wachen tun, wie sie ja auch vergessen, was sie im  Schlafe [tun2

 [Die Schlafenden nennt, glaub' ich, Heraklit]  Arbeiter und  Mitwirker an den Weltereignissen.

Dieses Wort, das immer an den Anfang gestellt wird, scheint bisher noch nicht ausreichend  hinterfragt worden zu sein. Kaum vorstellbar, dass ein Schöpfer Worte in unserer Sprache artikuliert,  um das Universum zu erschaffen. Zum wem ?  Es scheint sich hier eher  um  eine Metapher zuhandeln . "Weltgesetz" als  positive Energieform bzw. Schwingung (Liebe) oder Urklang  würde da genauer  hineinpassen. Dieses "Wort" ist sicher in solchen Lettern  geschrieben, die wir nur ahnen können, aber nicht artikulieren. Eher ganzheitlich fühlen. Da scheint es aber einige zu geben, die sich auf das Wort berufen und vorgeben, es verstanden zu haben und von uns verlangen, dass wir ihre Interpretation wörtlich nehmen. Eine absolute Vermessenheit (Der Glaube an die Grammatik) Das ist der Beginn  unserer tiefen Spaltung, die  Vertreibung aus dem Paradies. Von diesem polemischen und zu oft auch heißen Kriegslärm verscheucht , haben sich unsere ursprünglichen  geistigen Anlagen zurückgezogen in die Welt des Schlummers und der Träume.  

Auch die neuere oder postanalytische Philosophie vertritt nach Lyotard, ähnlich wie Nietzsche, und  die moderne Wissenschaftstheorie und die Hermeneutik die Auffassung, dass wir auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf fließendem  Wasser operieren müssen. Das sei im analytischen Kontext eine Konsequenz daraus , dass die Rede von einer Wirklichkeit an sich prinzipiell sinnleer sei, weil es Wirklichkeit immer nur als

 „ Wirklichkeit unter einer Beschreibung“ gebe, dass wir bei allem, was beschrieben werde, auf Beschreibungsweisen beschränkt seien.. Daher könnten wir von Wirklichkeit immer nur im Horizont prinzipiell problematischer (nie letzt begründbarer) Prämissen und stets nur von einer Wirklichkeitsversion neben anderen sprechen 

Leider sind von den Werken Heraklits nur Fragmente erhalten, vielleicht  erfahren wir deshalb nur  wenig, wie er zur Liebe steht, denn im Gegensatz zum Krieg ist  die Liebe, gleich wie wir sie nennen wollen, gerade auch die körperliche ( daran sollte eigentlich nichts Unreines kleben) , das  verbindende Element, die unzweifelhaft neben der Selbstbehauptung zu den Eckpfeilern unserer Existenz gehört. Für Heraklit ist es das Spiel der Gegensätze, das zur Vereinigung führt.

Die Liebe lässt sich allerdings nur fühlen aber nicht diskutieren. In diesem Fall  wäre sie sinn- und fruchtlos. Diese unumstrittene Tatsache ist ein unwiderlegbarer Hinweis dafür, dass der Werkzeugcharakter der Sprache und somit unseres Denkens  unsere elementaren Bedürfnisse nur zum Teil mit Sinn erfüllen kann. Das Gemüt aber ist der verbindende Faktor zwischen Tag - und Traumwelt. Wie ich feststellen musste, gibt darüber hinaus in uns auch ein Denken bzw. eine  Intuition  jenseits dieses "Fliegengesumms" , das uns am ehesten in unseren Träumen begegnet. Unzweifelhaft ist wohl auch, dass uns die Existenz trägt  wir aber nicht die Existenz. Das Denken allein trägt uns nicht. Unsere Wurzeln und unsere Mitte liegen daher sehr viel tiefer als  die verbale Sprache uns vermitteln kann. Wenn wir Gottes Ebenbild sind, sollten wir uns auch zu unserer Göttlichkeit bekennen, damit bewahren wir in diesem, von Kants Rechtslehre geprägtem Umfeld, in der das Eigentum das höchste Gut ist, auch unsere Würde. Schließlich bringen wir die ganze Menschheitsentwicklung samt unseren  vorgeburtlichen Erfahrungen schon mit auf die Welt. Das ist unser persönliches mentales Eigentum, das es mit gleichem Nachdruck zu schützen gilt, ohne uns von dem Mammon  entwürdigen zu lassen. Wir haben in uns ein gewaltiges Wissengespeichert und setzen uns ständig in unserer Traumarbeit  damit auseinander, ohne dass wir davon etwas zu ahnen scheinen.

Die »Vernunft« in der Sprache: o was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.1

Aber damit wird Heraklit ewig recht behalten, dass das Sein eine leere Fiktion ist. Die »scheinbare« Welt ist die einzige: die »wahre Welt« ist  nur hinzugelogen...2

 

Die Fragmente von Empedokles, um bei den Vorsokratikern zu bleiben, vermitteln uns ein ergänzendes Bild. Hier wird auf die  Wechselwirkung von Streit und Liebe näher eingegangen Wohl auf den einzelnen bezogen aber auch auf Gemeinschaften anwendbar. Allerdings eher auf den Bezug des einzelnen zu dieser Gemeinschaft. Da wird es naturgemäß unscharf. Aber in der Mitte, in dem Einen wohnt die Liebe, der Streit ist abgesondert von den Elementen. Der scheint später dazugetreten zu sein, denn im sogenannten goldenen Zeitalter kam man ohne ihn aus, weil es da wohl auch größere



1  [Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 938.Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 19096 (vgl. Leibniz-Abh., S.562)]

1 [Heraklit aus Ephesus: Fragmente., S. 13. Digitale Bibliothek Band 2:Philosophie, S. 142 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 95)]

1 [Heraklit aus Ephesus: Fragmente, S. 11. Digitale Bibliothek Band 2

  Philosophie, S. 140 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 92)]

2 [Heraklit aus Ephesus: Fragmente, S. 11. Digitale Bibliothek Band 2:Philosophie, S. 140 (vgl. Diels-Vorsokr. Bd. 1, S. 93

1 [Nietzsche: Götzen-Dämmerung, S. 32. Digitale Bibliothek Band 2:Philosophie, S. 68893 (vgl. Nietzsche-W  Bd. 2, S. 960)]

2 [Nietzsche: Götzen-Dämmerung, S. 28. Digitale Bibliothek Band 2:Philosophie, S. 68889 (vgl. Nietzsche-W  Bd. 2, S. 958)]